Genitalverstümmelung: "Wir müssen endlich aufhören, uns zu schämen!"

Genitalverstümmelung: „Wir müssen endlich aufhören, uns zu schämen!“
Genitalverstümmelung: „Wir müssen endlich aufhören, uns zu schämen!“

Sie erlitt unbeschreibliche Qualen

Sie versprachen ihr am Ende ein gekochtes Ei. An mehr erinnert Rakieta Poyga sich nicht von ihrer Beschneidung, nur an das Ei, sie war drei oder vier Jahre alt. Sie weiß nichts mehr von dem Gefühl, als ihr die Klitoris und die inneren Schamlippen abgeschnitten wurden; von dem mit Fett getränkten Tuch, das sie sich zwischen die Beine klemmen sollte, um die Narben weich zu halten, so, wie es alle Mädchen nach der Prozedur bekamen. Und das sie, wie alle Mädchen, bald beim Pinkeln verlor.

Die Wunden wucherten zu und vernarbten, so dicht, dass in den Ausgang ihrer Scheide gerade noch ein einzelner Finger passte. Die Anzahl der Finger, die hineinpassen, ist in Burkina Faso die Maßeinheit für den Grad der Genitalverstümmelung. Und immer dachte Rakieta Poyga, es sei bei allen Mädchen so. Es müsse so sein.

Bis sie das erste Mal schwanger wurde, mit 37, und die schrecklichsten, unbeschreiblichsten Schmerzen erlebte. Nicht die der Geburt, sondern weil die Narbe in ihrem Unterleib wieder aufgeschnitten wurde, bis zum After, um das Kind zu holen. Und dann mit einem Nylonfaden vernäht wurde, mit dem man eigentlich Fischernetze repariert.

Sie konnte nicht sitzen, nicht gehen; wollte nicht essen, aus Angst, es würde nach der Verdauung alles wieder aufreißen. Es war die Hölle. Aber keine Frau, auch nicht ihre Mutter, hatten jemals darüber gesprochen. Es gab nur dieses Sprichwort: Am Tag der Geburt muss man sich nicht schämen; da kann man schreien, so laut wie man möchte. Es hätte eine Warnung sein können, hätte sie gewusst, was es bedeutet. 

Niemand klärt die Frauen auf, dass Genitalverstümmelung nicht die Normalität ist

Wäre Rakieta Poyga, 58, nicht mit einer Gynäkologin befreundet gewesen, hätte sie noch lange Zeit nicht erfahren, was es mit diesen Schmerzen auf sich hat. Sie hätte, wie schon ihre Mutter, gedacht, so sei eine Geburt eben. Doch die Ärztin zeigte ihr Bilder von Geburten bei nicht beschnittenen Frauen. Sie legte Fotos verstümmelter Genitalien daneben. Rakieta Poyga verstand. Und machte aus dieser Erkenntnis eine Initiative, die mit dazu geführt hat, dass man in Burkina Faso heute offen über Genitalverstümmelung spricht und Beschneidungen in immer mehr Distrikten nicht mehr vorkommen.

Man muss an Waris Dirie denken, wenn man von Poygas Geschichte und dem Wandel, der ihr gelungen ist, hört; an das Ex­-Model aus Somalia, das Ende der 90er­Jahre mit dem Buch „Wüstenblume“ die Welt auf das Thema Genitalverstümmelung aufmerksam machte.

Waris Dirie war ein Star, sie gründete eine Stiftung, gewann Preise, jettete um die Welt und versteckte sich manchmal einfach in ihrem Hotelzimmer, wenn sie nicht mehr die Kraft hatte, noch ein einziges Mal öffentlich über ihren Unterleib zu sprechen.

Rakieta Poyga ist so ziemlich das Gegenteil. Eine energische Frau, groß und kraftvoll, geerdet, unglamourös. Wenn sie spricht, dann nachdrücklich, auch bei intimen körperlichen Dingen wird sie nicht schamvoll leise, nie geht ihr Blick zu Boden. Die Welt kennt sie nicht, sie hat, anders als bei Waris Dirie, einfach nicht von ihr erfahren.

In ihrem Land leitete Poyga ein Umdenken ein

Dabei hat Rakieta Poyga mit einer Graswurzelbewegung in ihrer Heimat Burkina Faso – 19 Millionen Einwohner, die Hälfte davon lebt in totaler Armut
 – so viel für die Frauen bewirkt wie kaum jemand sonst. Ende der 90er-Jahre waren noch 99 Prozent der Frauen beschnitten, aufgrund nicht hinterfragter traditioneller Normen. Heute sind es schon weniger als 70 Prozent.

Als Poyga ihre Eltern einmal fragte, warum sie ihr als kleines Mädchen so wehtun ließen, sagte ihre Mutter, sie habe ja nicht gewusst, welche Folgen die Beschneidung habe. Und der Vater, dass sie doch unbeschnitten in ihrem Dorf niemals einen Mann gefunden hätte.

Für ein paar Tage ist Poyga nach Deutschland gekommen, nach Berlin, auf Einladung der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes, die ihre Arbeit seit vielen Jahren unterstützt. Das Gespräch führt sie in geschliffenem Deutsch; Körperverletzung, Spätfolgen, Aufklärungskomitee, Frauensolidarität – solche Begriffe gehen ihr leicht über die Lippen, und zugleich hört man an ihrem leichten Slang, dass ihre Sprache nicht akademisch, sondern in der Praxis gelernt ist. Zehn Jahre hat sie in Deutschland gelebt, in Karlshorst im Osten Berlins, später in Westberlin.

Aus Burkina Faso zum Studieren in die DDR – ihre einzige Chance auf Bildung

Sie gehörte zur Gruppe der ersten Studenten aus Burkina Faso, die ab 1984 in der DDR studieren durften. „Ich wollte unbedingt etwas aus meinem Leben machen“, sagt sie. Wo Deutschland lag oder dass es eine Mauer gab, wussten sie damals nicht. „Wir flogen ins Blaue, wir hatten nicht mal ein Visum.“

Rakieta Poyga ist die älteste von 16 Kindern, die ihr Vater, ein Militär-Polizist, mit seinen drei Ehefrauen gezeugt hatte. Sie wollte für die Geschwister ein Vorbild sein und, weil sie gut in der Schule war, ihre Chance auf ein Auslandsstudium nutzen. Das gab ihr die Mutter mit, die dafür sorgte, dass alle ihre neun eigenen Kinder zur Schule gingen. 

Mutter sagte, wir sollten nicht wie sie werden, sondern selbstständig. Wichtiger als ein Mann sei der Job. Sie selbst musste bei meinem Vater noch um alles bitten und betteln.

Poyga studierte Sozialistische Betriebswirtschaft, aber nach der Wende, ohne Sozialismus, war das Diplom wertlos und das Stipendium hinfällig. Sie blieb in Deutschland, einfach, weil sie sich den Rückflug nicht leisten konnte. Sie ging putzen, betreute psychisch kranke Menschen. Mit ihren ehemaligen Kollegen hat sie noch heute ein gutes Verhältnis; wenn sie in Deutschland ist, ein-, zweimal im Jahr, besucht sie sie. 

Duch die Genitalverstümmelung war Sex eine Qual

Mit 34 kehrte sie nach Burkina Faso zurück, fand einen Job bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (inzwischen GIZ) als Managerin eines Landwirtschaftsprojekts – 80 Prozent der Menschen in Burkina Faso leben von dem, was sie auf ihrem eigenen Acker anbauen, Reis, Sesam, Maniok, Cashewnüsse.

Sie traf einen Jugendfreund wieder, einen Biologielehrer; eigentlich hatte sie nicht vorgehabt zu heiraten, aber sie merkte, wie wenig sie als ledige Frau galt, „und weil er noch zu haben war“, so sagt sie das, „haben wir noch geheiratet“. Mit 37 dann die Schwangerschaft, obwohl der Sex für sie eine einzige Qual war. 

Beschnittene Frauen kommen ihrer Verpflichtung als Ehefrau nach, aber es ist hart, man ist froh, wenn es fertig ist.

Die Wehen setzten um zehn Uhr morgens ein, sie presste stundenlang, vergeblich. „Bei einer beschnittenen Frau hilft das Pressen nicht, das Kind kommt einfach nicht durch die Öffnung. Ich wurde aufgeschnitten, nach unten und seitlich. Das Baby fiel dabei fast heraus.“ Dann wurde sie grob vernäht, an den äußeren Schamlippen, damit ihr Unterleib irgendwie zusammenhielt.

Die Geburt und die Bilder, die ihr die befreundete Ärztin dann zeigte, veränderten alles. Poyga verstand jetzt, was ihrem Körper passiert war. Und das System, das Mädchen zu Versehrten machte. In einem Land, in dem niemals über Sex gesprochen wurde, begann Rakieta Poyga 1998 eine Aufklärungskampagne. Mutig sei das nicht gewesen, sagt sie.

Kein Mut, ein Muss. Ich habe studiert, ich musste das tun.

Sie tat sich mit sechs Frauen aus ihrem Wohnviertel zusammen, eine davon Vorsitzende des Frauenvereins der Moschee – etwa 60 Prozent der Menschen in Burkina sind Moslems; gemeinsam fuhren sie nach Norden in Rakietas Heimatdorf, das zum Königreich Ouahigouya gehört. Sie sprachen mit dem König, der für mehr als 200 Dörfer zuständig war, er hörte sie an, offiziell war Beschneidung in Burkina seit 1996 verboten.

Der König lud die Dorfchefs ein, die Frauen erklärten ihnen, was sie wollten: öffentlich über Beschneidung reden, die Mythen zerstören, den Männern klarmachen, was man den Kindern antue. Sie zeigten eine Dokumentation, „La Duperie“ aus dem Senegal, lange Zeit der einzige Film, der eine komplette Beschneidung zeigte, die einer Zweijährigen. Einige gingen mit Tränen in den Augen aus dem Raum.

Sie brachte die Männer dazu, das Wort „Klitoris“ auszusprechen

Und so begann eine Bewegung, nicht mit Patenprogrammen, Events und internationaler Presse wie Waris Diries Desert-Flower-Stiftung, sondern an der Basis, mit Anti-Beschneidungs-Komitees in jedem Dorf, mit Versammlungen in den Schulräumen, zu denen die Männer anfangs nur aus Neugier kamen, weil sie gehört hatten, dass es um schlüpfrige Themen gehen würde. Rakieta Poyga redete auf sie ein, bis sie sie schließlich dazu brachte, das Wort Klitoris auszusprechen, wenn auch gemurmelt. 

Was eine Klitoris ist, wissen die Männer bei uns nicht, sie kommen zu ihren Frauen, wenn es dunkel ist, sie haben die weiblichen Geschlechtsorgane nie gesehen.

Auf jedes Vorurteil, das in den Köpfen der Männer spukte, hatte sie eine Antwort: Eine nicht beschnittene Frau ist unrein? Wo steht das? Nicht im Koran! Das Kind einer unbeschnittenen Frau wird sterben? Es wird bei der Geburt sterben, wenn sein Kopf nicht durch die Öffnung passt! Die Frau wird herumhuren? Sagt mir, wie viele uneheliche Kinder gibt es in eurer Familie, obwohl jede Frau beschnitten ist!

Rakieta Poyga legt ein großes, abgenutztes Buch auf den Tisch, ihr Aufklärungsbuch, das sie für ihre Arbeit mit auf die Dörfer nimmt. Sie schlägt es auf, ein Foto zeigt eine normale Vulva, das nächste eine Vulva ohne Klitoris, ein drittes dieselbe Region komplett vernarbt, die Schamlippen verwachsen. Sie zeigt Fotos von Entzündungen, Wucherungen, sie sehen aus wie Kriegsverletzungen, wie in großer Not zusammengenähte Läsionen. Sie zeigt auf ein Foto, eine Vaginalöffnung, dünn wie ein Bleistift. „So sah es bei mir aus“, sagt sie.

Kleinkredite für „Beschneiderinnen“ – ein erster Schritt gegen den Teufelskreis

Sie sagt es auch öffentlich, bei ihren Kampagnen, manchmal auf einem Dorfplatz mit einem Lautsprecher in der Hand. „Über Beschneidung zu sprechen, ist, wie sich auszuziehen, man darf keine Scham empfinden“, sagt sie. Ihr Leben im Westen, die größere Liberalität dort habe sie nicht darauf vorbereitet, „das hier ist etwas ganz anderes, es kostet sehr viel Überwindung“. Ihr Mann komme damit zurecht, „er sagt, ich rede ja eigentlich über Gesundheit“.

Sie lernte eine Frau kennen, die Kontakt zu Terre des Femmes hatte, „für gute Sachen gibt es gute Zufälle“, sagt Rakieta Poyga. Terre des Femmes und ihre Spender fördern ihren Verein Bangr-Nooma seither, finanzieren auch Kleinkredite für Beschneiderinnen, die so eine neue Existenz aufbauen können, Hirse oder Erdnüsse kaufen, einlagern und später zu guten Preisen wieder verkaufen. 300 machen bereits mit. „Viele von ihnen sind ja nicht aus Überzeugung Beschneiderin geworden, sondern weil sie dazu gedrängt werden“, sagt Poyga. Ihre Arbeit gilt als sozialer Dienst. Viele sind erleichtert, wenn sie damit aufhören können.

Der Verein sorgt dafür, dass neugeborene Mädchen eine Geburtsurkunde bekommen und Vertrauensleute in den Dörfern ihre Unversehrtheit überwachen. Nach 33 000 Mädchen, die nicht mehr beschnitten wurden, hörten sie auf zu zählen.

Bangr-Nooma ist in 820 Dörfern aktiv und kämpft inzwischen nicht mehr nur gegen Genitalverstümmlung, sondern setzt sich auch für junge Prostituierte ein, und für Mädchen, die vergewaltigt wurden oder früh schwanger. In ihrer eigenen Familie ist seit der Geburt ihrer Tochter Magalie – drei Jahre später bekam sie noch einen Sohn, Cedrick – kein Mädchen mehr beschnitten worden.

Bei allem Pragmatismus gibt es auch bei Rakieta Poyga, die so unzerbrechlich wirkt, die stillen Momente. In denen man spürt, dass der Motor all dessen, was sie geschafft hat, der Schmerz ist, den sie erlitten hat. So ein Moment ist, als sie sagt:

Ich würde alles dafür geben, nur einen Augenblick zu spüren, wie es ist, eine Klitoris zu haben.

200 Millionen. So viele Mädchen und Frauen sind nach Schätzung der WHO weltweit beschnitten. In 30 Ländern Afrikas, des Mittleren Ostens und Asiens ist die Genitalverstümmelung gängige Praxis, am weitesten ist sie in Somalia (98 Prozent) verbreitet. Nicht immer arbeiten traditionelle Beschneiderinnen mit primitiven Werkzeugen. In Ägypten (87 Prozent) führt jeden zweiten Eingriff ein Arzt aus. Das garantiert mehr Hygiene, reduziert aber nicht die Langzeitfolgen für die Frauen.

Rakieta Poyga wurde 1960 in Ouahigouya in Burkina Faso geboren. Von 1984 bis 1994 studierte sie Wirtschaft, erst in Ost-Berlin, dann an der TU Berlin, um ihr DDR-Diplom anerkennen zu lassen. Sie lebt mit ihrem Mann, einem Biologielehrer, in Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou, ihre Kinder sind 20 und 17 Jahre alt. Poyga ist Vorsitzende des Vereins Bangr-Nooma gegen weibliche Genitalverstümmelung.


Source: Brigitte | Figur