"Kinder machen glücklich? Nö!"

„Kinder machen glücklich? Nö!“
„Kinder machen glücklich? Nö!“

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Back in the days of 1992 hat mein 14-jähriges Ich einmal eine zweifelhafte Entscheidung getroffen: Dauerwelle. Noch am selben Tag habe ich das bitter bereut, mit jeder Faser meines pubertierenden Herzens.

Bereut habe ich auch, dass ich, ebenfalls 1992, mit meinem gleichaltrigen Freund geschlafen habe, weil ich ihn „halten wollte“. Es war richtig, richtig scheiße und tat sehr, sehr weh. Einige Monate später teilte er mir telefonisch mit, er müsse sich entscheiden: Freundin oder Tennisclub. Für beides reiche die Zeit nicht. Als ich den Hörer auflegte, war ich wieder Single.

Seitdem gab es vieles zu bereuen. Liebschaften, Wohnorte, Berufe, Outfits, Autokäufe, Grausamkeit. Einige Entscheidungen konnte ich rückgängig machen (auch wenn der Dauerwelle eine auberginefarbene Intensivtönung folgen sollte), andere nicht. Ich bedaure oft und lange. Fruchtloses Grübeln über Dinge, die ich möglicherweise in einer anderen Realität hätte besser machen können, ist eine Anti-Superkraft von mir. Ich kann wahnsinnig gut und mit großer Geste unglücklich sein.

Was ich nicht bereut habe, ist meine Tochter. Auch wenn ich in manchen Momenten wirklich nah dran bin – das sind diese Tage, die zu einem einzigen großen Scheißhaufen aus Gebrüll, Schlafentzug, dreckiger Bude, Kopfschmerzen, Dispozinsen und praktischen Klamotten kumulieren. Dann möchte ich laut schreiend aus der Tür rennen und nie mehr stehenbleiben.

Jede Liebe hat ihre Hochs und Tiefs

Überraschend finde ich das jedoch nicht. Im Gegenteil, diese Momente in all ihrer Scheußlichkeit scheinen mir logisch. Ich habe damit gerechnet, dass mein Kind mich phasenweise unglücklich machen würde. Wie jede sehr lange und tiefgehende Liebesbeziehung, dachte ich mir ganz simpel, würde auch die zu meiner Tochter ihren eigenen Gezeiten folgen. Die See meiner Mutterschaft würde stürmisch sein, windstill, grau und knallhart, türkis und warm, mit tückischen Felsen unter spiegelglatter Wasserfläche, voll wundersamer Kreaturen, eine bleierne Wüste, ein stahlblaues Glitzern, untergehen und auftauchen. All das, immer wieder.

So ist das mit der Liebe.

Jetzt beklagen sich die Karriereväter

Warum ich überhaupt, lange nach der Debatte um den Hashtag #regrettingmotherhood über Reue nachdenke? Wegen #regrettingfatherhood, unter anderem. Ist jetzt der neueste Shit. Passt thematisch so schön zu den neuen Väterhelden, die brauchen ja auch ihre Antagonisten. Und die Feministinnen wollen doch sowieso immer alle gleichberechtigen. Deshalb sind die missverstandenen Karriereväter jetzt auch unglücklich. Keine rauschenden Cocktailpartys auf der Dachterrasse mehr, und der schicke A8 muss einem praktischen Skoda weichen. Armes Alphamännchen. Natürlich sprechen wir hier weniger über Reue als über das alte Vereinbarkeitsproblem: Can’t have the cake and eat it.

Ich verstehe ohnehin nicht, warum ausgerechnet Kinder uns glücklich machen sollen. Denn das tun sie nicht. Oder besser gesagt: Nicht ständig. Dafür sind sie einfach zu laut, zu anstrengend, zu kompliziert, zu eigensinnig. Alles, was sie anfassen, ist danach schmutzig oder kaputt. Mit ihnen simple Pflichten zu erledigen – eine Überweisung tätigen oder in den Supermarkt gehen – dauert bis zum jüngsten Gericht. Nein, das macht nicht sehr glücklich.

Es ist unsere Aufgabe, die Kinder glücklich zu machen

Aber, surprise, surprise: Uns glücklich zu machen, ist auch nicht ihre Aufgabe. Es ist vielmehr unsere Aufgabe, sie glücklich zu machen. So oft und so nachhaltig wie möglich. Schließlich haben wir sie zu uns eingeladen. Für mich persönlich liegt genau darin das Glückspotential am Kinderhaben – herauszufinden, was das eigentlich für ein Mensch ist, dieser kleine Wusel da. Was braucht der? Ist er abenteuerlustig, vorsichtig, lustig, clever, liebt er Ordnung oder Chaos, Lärm oder Stille, ist sein Geduldsfaden lang oder ganz kurz? Und was können wir tun, damit es uns allen gut geht? Wie funktionieren wir zusammen? Wie finden wir unseren Flow? Dieser Flow ist es, der mich am Kinderhaben immer wieder glücklich macht: Wenn wir uns ansehen, verstehen, aufeinander reagieren und uns immer wieder überraschen. Das ist das allerbeste Glitzerglück überhaupt.

Und wie es in der Natur des Glücks liegt, ist es flüchtig. Manchmal braucht es Abstand. Oder es versteckt sich unter einem Berg von Alltagsunrat und muss mühsam wieder ausgegraben werden. Manchmal ist es so winzig, dass wir es mit bloßem Auge kaum erkennen. Oder es tarnt sich als Geruch, als Berührung, als Schnappschuss im Geiste.

Nein, Kinder machen nicht glücklich. Das müssen wir schon selber tun.

Text: Liz Birk-Stefanovic, zuerst erschienen auf kiddothekid.com/.


Source: Brigitte | Frauen